Vom Raubritter bis zum Edelmann – Haus Hülhovens Geschichte

Haus Hülhovens Geschichte beginnt in der Karolingerzeit. Seit dem schafften es die Bewohner Haus Hülhovens immer wieder, sich in Gerichtsakten zu verewigen. Meistens waren es harmlose Erwähnungen als Zeuge oder als Schöffe. Gelegentlich finden sich aber auch Geschichten, bei deren Lektüre man sich in einen historischen Roman versetzt fühlt. Vom Raubritter bis zum Edelmann – Haus Hülhovens Geschichte!

Copyright!

Vorsorglich weisen wir hier darauf hin, dass die meisten Tatsachen der hier geschilderten Geschichten durch Dokumente und Urkunden belegt sind. Die Geschichten sind aber  teilweise literarisch aufgearbeitet und durch fiktive Elemente ausgeschmückt. Die Geschichten unterliegen daher dem Urheberrecht und stehen unter Copyright.

1375 Gerhard von Hülhoven

Raubritter

Um das Jahr 1375  lebte Ritter Gerhard auf Haus Hülhoven. Gerhards Lehensherr  war Gottfried der III. von Heinsberg aus dem Hause Loen.
Gottfried war – man kann das nach so langer Zeit bestimmt sagen, ohne Rücksicht dessen Familien nehmen zu müssen – ein Raubritter, wie er im Buche steht und Gerhard von Hülhoven … also, Gerhard auch. Besonders fette Beute lieferten damals durchreisende Bürger und Fuhrleute aus Köln. Die wurden auf offener Straße aufgegriffen, gefangen gesetzt und nur gegen ansehliches Lösegeld frei gelassen.

Gottfried als Ehrenbürger Kölns

Die Kölner sannen auf Abhilfe. Als praktisch veranlagte Leute war ihnen klar: ohne Beute wird das nichts! Also ernannten Sie am 6. Januar 1375 Gottfried von Heinsberg zum Edelbürger der Stadt Köln. Und als Edelbürger erhielt er jährlich 100 Mark in Silber. Was ungefähr einer Kaufkraft von 250.000 Euro im Jahr 2020 entsprach. Im Gegenzug war Gottfried verpflichtet, seine Kölner Mitbürger bei der Durchreise durch das Heinsberger Land zu beschützen.

Gerhards Frefel

Ob Gottfried nun vergessen hatte, den Heinsberger Rittern von dem Vertrag zu berichten, ist hier nicht bekannt. Jedenfalls hatte sich die Nachricht noch nicht bis Hülhoven rumgesprochen, als kurze Zeit später Kölner Fuhrleute durch Hülhoven zogen. Gerhard von Hülhoven nahm sie traditionsbewusst fest. Ein Fuhrmann wurde dabei niedergestochen und die anderen – also wir nehmen an, die landeten erst mal im Keller unter dem Türmchen.

Gottfrieds Milde

Gottfried von Heinsberg war nun gezwungen, einzugreifen und eine Strafe zu verhängen. Eigentlich wäre Haus Hülhoven damit “fällig” gewesen. Bekanntlich machte man damals in solchen Fällen die feindliche Burg dem Erdboden gleich. Aber Gottfried war milde. Er entzog Gerhard lediglich Haus Hülhoven und den Hülhovener Wald. Aber nur ihm persönlich und für eine Generation, wie wir aus Dankesschreiben an Gottfried wissen.

Dankesschreiben im Staatsarchiv

Aus dem Dankesschreiben des Schwagers Johann von Buren z.B.. Es datiert: “erster Sonntag nach dem Tag der Jungfrau Margareta Anno Domini 1378”. Es befindet sich heute im Staatsarchiv.

„Ich Johann van Buren, Ritter, bedanke mich bei meinem lieben Herrn, Herrn Gottfried von Loin zu Heinsberg, für die Gunst und Freundlichkeit, die er mir erwiesen hat; denn er hat mir und meinen Erben versichert, dass weder von ihm noch von seinen Erben uns wegen der Sache mit meinem Schwager Gerhard von Hülhoven (dem Gott gnädig sei), der bei Hülhoven Fuhrleute nieder gestochen hat, Nachteil erwachsen soll. Auch sollen wir wegen der Folgen dieser Tat, die daraus entstanden sind oder noch entstehen, in keiner Weise herangezogen wrden. Zur Beurkundung habe ich mein Siegel an diesen Brief gehangen“

(vergl. Hubert Berens, „Haus Hülhoven“, Geschichte und Dokumentation, 1989, S. 10ff. mit weiteren Nachweisen)

1614 Eine wahrhaft edle Heirat – Freiherr Giesbert von Hülhoven

Zweiteilung der Herrschaft Hülhoven

Die Herrschaft Hülhoven war Ende der 1500er Jahre erstmals zweigeteilt, was der gottgewollten Ordnung widersprach. Der obere Hof mit dem Herrenhaus war beim Tode des Freiherrn Otto von Hülhoven an dessen älteren Sohn Johann gelangt. Dem jüngeren, Gisbert, hatte Otto den damals noch existenten unteren Hof mit dem Bauernhaus vermacht, der heute längst abgerissen ist, nach dem aber noch die Straße „Unterster Hof“ im Dörfchen Hülhoven ihren Namen hat. Die Teilung war – neben Gott – insbesondere dem Gubernator Freiherr von Eynatten ein Dorn im Auge, denn der war als Pate dem Johann besonders verbunden, auch wenn dieser als jähzornig und – bei allem Respekt – als eher dumm bekannt war. Gisbert hingegen war gescheit und hatte Johann mehr als einmal in Amtsgeschäften helfen müssen. Dennoch verbreitete sich allgemein eine gewisse Erleichterung, als der noch unverheiratete Gisbert nach schwerer Krankheit auf dem Totenbett lag und sich anschickte, kinderlos zu versterben. Als einziger gesetzlicher Erbe würde Johann von Hülhoven die Herrschaft wieder auf sich vereinen.

Versuch der Heirat auf dem Sterbebett

Auf dem Sterbebett erlangt die Achtung vor dem Schöpfer und seinen Geboten in der Vorstellung des Moribunden mitunter höheren Wert, als die Verpflichtung dem Stande und den Interessen der Familie gegenüber. So kam es, dass es den todkranken Gisbert zunehmend drängte, seine Haushälterin zu heiraten, nämlich die Bauerstochter Jutta Huyben, die ihm seit erdenklicher Zeit den Haushalt führte, nachdem er mit ihr ein Kind gezeugt hatte, den Heinrich. Dieser war so diskret wie möglich auf dem unteren Hof erzogen und in die Dienste Gisberts gestellt worden. Dabei erwies er sich als tüchtig und trotz seines niederen Standes als klug. Auch Gott musste erkannt haben, dass Heinrich ein würdigerer Erbe sein würde, als der dumme und unbeherrschte Johann, denn am letzten Tag von Gisberts Leben sprach Gott in aller Früh zu ihm und befahl, die Hochzeit noch am gleichen Tag zu feiern um Heinrich tamquam per subsequens matrimonium (Gott sprach seinerzeit Latein) zu legitimieren.

Gubernator Eynattens Widerstand

Bedauerlicher Weise hatte Gott unterschätzt, wie sehr Eynatten sich dem Johann verpflichtet fühlte. Als Gott auch zu ihm über die geplante Hochzeit sprach, nahm Eynatten Gottes Wort weniger als Befehl, sondern vielmehr als böse Vorahnung wahr und suchte unverzüglich und höchst persönlich nacheinander alle evangelischen Pastöre auf, die von Hülhoven aus per Pferd erreichbar waren. Unter erheblicher Überschreitung seiner Kompetenzen verbot er ihnen bei Androhung von Strafe auf das schärfste, Gisbert auf dem Sterbebett mit der Jutta zu vermählen.

Hilfe von Pastor Esser

Als Folge ritt Gisberts Knecht beinahe dessen bestes Pferd zu Schanden, indem er zunächst im gestreckten Galopp die halbe Meile (3,5 km) von Hülhoven nach Heinsberg eilte, vom dortigen Pfarrer des Hauses verwiesen eine ganze Meile zur Pfarre in Randerath galoppierte und dort erneut des Hauses verwiesen zurück Richtung Hülhoven jagte, um weitere Befehle einzuholen. Als der Knecht die katholische Kirche in Dremmen passieren wollte, brach das erschöpfte Pferd in die Knie und so kam dem Knecht die Idee, noch bei dem katholischen Pastor Leonard Esser vorzusprechen. Gisbert war evangelisch und wegen des abweichenden Glaubens hatte der Gubernator dem Esser kein Verbot erteilt. Der wackere Mann ließ also unverzüglich anspannen, verpflichtete seine beiden Küster als Zeugen und eilte zum untersten Hof. In der Kammer hinter der Küche, in der Gisberts Sterbebett stand, war inzwischen auch der Notar mit zwei weiteren Zeugen eingetroffen. Die Vermählung des Freiherren Gisberts von Hülhoven mit der Jutta Huyben wurde in aller Form vorgenommen und notariell beglaubigt. Am Abend trat der evangelische Gisbert, versehen mit den Segnungen der katholischen Kirche, vor seinen Schöpfer.

Blutige Fehde und ein gutes Ende

In Hülhoven aber brach eine Fehde aus zwischen Heinrich und Johann, die erst nach einer Menge vergossenen Blutes, dem Einsatz spanischer Söldner und einem langem Rechtsstreit vor der Mannkammer in Düsseldorf durch einen Vergleich beigelegt wurde. Vielleicht hatte erneut Gott seine Finger im Spiel, als schließlich Johann vom oberen Hof  kinderlos verstarb und die Herrschaft Hülhoven am Ende wieder vereint war. Allerdings in den Händen Heinrichs, der ab sofort als würdiger Herr von Hülhoven in dem Herrenhaus Wohnung nahm.

Und wenn er nicht gestorben ist … also … natürlich ist er inzwischen gestorben, aber wir meinen, er lebt hier noch heute glücklich und zufrieden als guter Geist.

Historischer Kontext

Falls Sie sich wundern, dass die Erzählstimme über Heinrich sagt, er sei niederen Standes: Er war zwar der Sohn eines Freiherrn. Noch bis in die 1970er Jahre galt ein uneheliches Kind aber mit seinem Vater als nicht verwandt. Heinrich war daher bis zur nachträglichen Hochzeit seiner Eltern lediglich der uneheliche Sohn einer Bäuerin und galt als “Bastard”. Der echte Johann von Hülhoven hatte deshalb die nachträgliche Legitimierung Heinrichs nicht anerkannt. Am Tag nach Gisberts Tod hatte er begonnen, dessen Felder, die ja nun Heinrich geerbt hatte, abzuernten. Heinrich verjagte ihn mit Hilfe seiner Knechte und beschlagnahmte dabei einen Pflug. Am nächsten Tag rückte Johann an, begleitet von spanischen Söldnern, um sich den Pflug zurück zu holen und Heinrich von den Feldern zu verjagen. Dabei gab es Verletzte. Die Felder wurden von der Obrigkeit beschlagnahmt und durften erst nach gerichtlicher Feststellung des rechtmäßigen Erben weiter bearbeitet werden. Als rechtmäßiger Erbe wurde Heinrich erkannt. Die Unterlagen über den Prozess befinden sich im Staatsarchiv.

Wie Heinrich sein Erbe antrat

… wissen wir aus der Notariellen Urkunde, die die Annahme der Erbschaft durch Heinrich beurkundet und die ebenfall im Staatsarchiv aufbewahrt wird.
Der junge Heinrich habe
– vor den Augen seines Vaters die Schlüssel aus der Kammer hinter der Küche an sich genommen
– Schulbladen und Tresore auf – und zugeschlossen,
– die Hähll in der Küche herauf- und wieder herabgelassen und den Kessel daran gehängt (dabei handelt es sich um die Kochstelle über dem offenen Küchenkamin)
– das Feuer gestocht
– Bier gezapft
– mit dem Spaten im Acker gegraben
– in Benden und Weiden Gras abgerupft
– von Elsen und Eichen Holz abgehauen
alles in der Absicht, die durch seinen lieben Vater eingeräumten ledigen Güter in seinen wirklichen Besitz und Nießbrauch zu nehmen und darin zu erhalten.

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